| Ein Problem, das keins sein darf
Ein einziges langes Klagelied ist der Brief, der vor mir liegt. Der Verfasser hat ein Problem, das sein Dasein als Taubenliebhaber derart vergällt, dass er in Erwägung zieht, aufzuhören. "Kokzidiose" lautet der Name. Wenn die Tauben nicht gesund sind, und sie auch durch den Tierarzt nicht gesund zu bekommen sind, kann ich mir vorstellen, dass für einen Menschen der Augenblick kommt, in dem er denkt: "Jetzt reicht es mir."
Aber Kokzidiose ist zu banal, um ein Problem zu sein, weil es so gut wie ausgeschlossen ist, dass gesunde Tauben, die in einem guten Milieu leben, damit Probleme haben. "Schon seit Jahren kure ich mich dumm und dämlich, und jedesmal wenn ich die Tauben untersuchen lasse, weiß ich schon vorher das Ergebnis", schrieb er. Kokzidiose könnte man als Faktorenkrankheit bezeichnen, das heißt, dass sie immer mit anderen Faktoren wie Krankheiten oder schlechter Umwelt einhergeht. Nun will ich Kokzidiose nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber sie darf sicherlich kein Grund sein, den Mut zu verlieren und aufzuhören.
Der Blick durch das eigene Mikroskop. Das Problem des Briefschreibers könnte darin bestehen, dass er keinen guten Tierarzt hat. Vielleicht ist er nicht auf Tauben spezialisiert, findet jedesmal Kokzidien und verschreibt jedesmal eine Kur dagegen. Das sind nicht die Richtigen. Ein guter Tierarzt würde in derselben Situation Folgendes sagen: "Leichter Befall mit Kokzidien, zu wenig, um eine Kur erforderlich zu machen." Vor langer Zeit hatte ich selbst ein Mikroskop. Das sollte sich selbst bezahlt machen, indem ich die Besuche beim Tierarzt sparte, sagte ich mir seinerzeit. Wenn die Tauben nicht picobello dasaßen, untersuchte ich Kot und Schleim. Anfangs konnte ich wenig finden, aber das würde wohl an mir liegen, dachte ich und untersuchte weiter, bis ich schließlich das eine oder andere Kokzidien-Ei fand. Drei Jahre hat das gedauert. Drei Jahre, in denen so oft gekurt wurde, dass ich es leid wurde, denn irgendetwas stimmte nicht. Sportkameraden machten keine Kuren, sie hatten kein Mikroskop und manche hatten sogar noch nie etwas von Kokzidien gehört.
Schließlich brachte ein spezialisierter Tierarzt die Lösung. "Die Tauben sind in Ordnung", sagte er. Doktor Marien aus Tielen war es. Ich war baff und erzählte meine Geschichte. Sagte, dass ich ein Mikroskop hätte und dass er noch einmal gut nachschauen müsste, denn sie hätten mit Sicherheit Kokzidien. Mit einem Blick voller Mitleid, wie nur er das kann, sah er mich an. "Sie haben auch ein paar Kokzidien", wusste Fernand, "das habe ich auch gesehen, aber das hat wenig zu bedeuten und ganz sicher bei Tauben, die auf einem trockenen Schlag sitzen." Einige Zeit später stand ich wieder mit einer Kotprobe bei ihm vor der Tür und bekam dasselbe zu hören. "Ein paar Kokzidien, aber eine Kur ist nicht nötig." Seitdem habe ich keine Kur mehr gemacht und das Mikroskop in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Oder so etwas Ähnliches, denn im vergangenen Jahr hat Falco es geholt. Ich habe ihm viel Glück damit gewünscht.
Feuchte Schläge, feuchtes Klima. Das Problem des Briefschreibers war wahrscheinlich ein zu feuchter Schlag, auf dem die Tauben sich nach jeder Kur sofort wieder infizierten. Es kann sich auch um Paratyphus oder Streptokokken oder etwas anderes gehandelt haben, wodurch die Tauben so geschwächt waren, dass vermehrt Kokzidien gefunden wurden. Kokzidiose-Oozysten sind in einem feuchten Milieu im und um dem Schlag nämlich schwer zu vernichten und widerstehen sogar chemischen Mitteln wie Chlor oder Soda. Allerdings sind Oozysten gegenüber Trockenheit und Hitze empfindlich. Darum kann der Gasbrenner von Nutzen sein. Man sollte den Schlag aber nicht während der Kur ausbrennen, sondern sofort danach, wenn die Tauben nichts mehr ausscheiden. Bei Temperaturen unter fünf und über achtunddreißig Grad gedeihen Oozysten nicht, dafür bei feuchtem, warmem Wetter um so mehr. Man löst das Kokzidienproblem also nicht mit Medikamenten, sondern durch ein besseres (lies: trockenes) Milieu. Oder indem man die Tauben von anderen Krankheiten befreit. Sind die Probleme groß, befürworten manche Tierärzte eine mehrtägige Kur, manchmal einhergehend mit einer Ruheperiode von mehreren Tagen. Früher wurden die Behandlungen mit Sulfonamidpräparaten durchgeführt. In den letzten Jahren werden Produkte auf Basis von Azuril bevorzugt, weil sie besser sind.
Geschwächte Tauben sind im Nachteil. Ferner ist also wichtig zu wissen, dass Kokzidiose bei geschwächten Tauben zuschlägt. Ich sagte schon, dass Paratyphus und Streptokokken häufig mit Kokzidiose einhergehen. Auch unmittelbar nach einem schweren Flug werden häufig mehr Kokzidien gefunden als normal. Ich kenne Tierärzte, die mit Tauben spielen und Kokzidiose als ein Art Gradmesser für die Form ansehen: Je geringer der Kokzidienbefall, desto besser die Form. Dass Kokzidiose durch schlechten Kot angezeigt wird, ist ein Irrtum. Die Tauben können befallen sein, während der Kot tadellos aussieht. Verwirrend ist allerdings, dass die "Eier" unregelmäßig ausgeschieden werden, so dass es möglich ist, dass in der einen Kotprobe mehr gefunden wird als in der anderen. Tierärzte sind dem schon zum Opfer gefallen und wurden als Pfuscher bezeichnet, weil sie keine Kokzidien gefunden haben und ein Kollege sehr wohl.
Kokzidiose dürfte in unserem Sport kein Problem sein. - Sorgen Sie für einen trockenen Schlag. - Machen Sie nur eine Kur, wenn Grenzen überschritten sind, aber warten Sie auch nicht zu lange. - Tauben, die stark befallen sind, "kokzidienfrei" zu machen, ohne weitere Maßnahmen wie Ausflämmen zu ergreifen, ist sinnlos. Sie werden sich schnell wieder infizieren.
Guter Rat ist nicht teuer. Ich habe dem Mann geraten, für einen trockeneren Schlag zu sorgen und sich an einen anderen Tierarzt zu wenden. Denn wenn Kokzidien trotz vieler Kuren nicht verschwinden, läuft etwas verkehrt und werden Fehler gemacht, entweder von ihm oder von dem betreffenden Tierarzt. Ferner darf man nicht vergessen, dass ein Tierarzt nicht wie der andere ist. So war ich kürzlich bei einem Tierarzt in Kerkhoven bei Lommel, um dort eine zugeflogene Taube abzuholen. Ich fragte ihn, ob er auch etwas von Tauben verstehen würde. "Absolut nicht", reagierte er, "davon verstehe ich nichts, aber auch gar nichts." Diese Antwort ehrte ihn, und glauben Sie mir, die meisten verstehen nichts, aber auch gar nichts davon. Wie viele Tierärzte gibt es wohl in den Niederlanden und Belgien? Vielleicht fünftausend? Wenn darunter zehn wirklich gut auf Tauben spezialisierte Fachleute sind, hört es schon auf.
© Ad Schaerlaeckens |
