Gerry

Lieber Gerry!
Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich immer weniger lese. Noch nicht einmal Reportagen über Nationalsieger. Nicht, weil ich vor ihnen keinen Respekt habe. Im Gegenteil sogar.
Vor Siegern muss man immer Respekt haben, auch wenn es sich um Leute handelt, die zuvor kaum einen Preis gewinnen konnten.
Außerdem sind gute Leistungen und Siege von Außenseitern, die Schwimmweste die den Taubensport trägt. Es ist der Aufbau vieler Reportagen, der nicht dazu einlädt, sie genauer zu lesen.

Meistens
Denn wie sieht so eine Reportage meistens aus? Der Mann, der den wichtigen Flug gewonnen hat, hat gesehen, dass seine Taube in Form war.
Sie kam wie ein Pfeil aus der richtigen Richtung, wurde mit zitternden Händen des Gummiringes entledigt und als sich bei der Meldung herausstellte, dass noch von keiner anderen Feder etwas bekannt war, stieg die Nervosität.
Später kam dann der bestätigende Anruf und als sein Name auf Teletekst oder in den Zeitungen stand, wurde mächtig gefeiert.
Anschließend wird verraten, wie die Schläge dieses Mannes (der also vorher kaum einen Preis gewinnen konnte) aussehen, wird von Käufern berichtet ("Die Taube geht nur für viel Geld weg.") und wird der Dame des Hause für Kaffee und Gastfreundschaft gedankt.
Ende der Reportage.
Ich muss das Geschwafel nicht lesen.
Gut geschriebene Reportagen über Züchter, die seit vielen Jahren überragend spielen, würden mich mehr interessieren. Aber wenn man mit nur wenigen Tauben oder nicht auf den Nationalflügen spielt, kommt man nicht so schnell in die Zeitung. "The winner takes it all."

Wohlgemerkt
Wohlgemerkt, das ist nicht als Kritik an den Leuten gedacht, die diese nichts sagenden Reportagen schreiben. Im Gegenteil!
Ich bewundere sie und bin froh, dass ich nicht losfahren muss, um diese Sieger zu interviewen. Ich würde noch weniger zustande bringen.
Denn wenn so ein Sieger alles macht, was andere auch machen, nichts zu sagen hat und manchmal auch nichts sagt, dann ist das Verfassen eines lesbaren Artikeln eine schwere Aufgabe. Das kann ich Ihnen versichern.
Ich lese wohl, aber selektiv, wie man das nennt.

Gut
So auch vor einiger Zeit. Ich schlug eine belgische Zeitung auf und musste meine Brille kurz zurechtrücken.
In einem langen Artikel vom Kollegen Gerry tauchte beständig mein Name auf, und sagen Sie selbst, wer würde da nicht neugierig? Vor allem auch, weil hier bei uns in den Niederlanden Leute rumlaufen, die es für nötig halten, in einer Taubenzeitung zu schreiben und offensichtlich Vergnügen daran finden, diese Zeitung zu kritisieren, und auch wenn mein Name genannt wird, kann man Gift darauf nehmen, dass das in negativem Sinn geschieht. Es handelt sich dabei um Leute, denen ich niemals etwas in den Weg gelegt habe, im Gegenteil, die mir manchmal viel zu verdanken haben. Was sie möglicherweise frustriert, sind meine Ergebnisse.
Ich reagiere nicht darauf, obwohl das manchmal schwer fällt. Ein Mensch muss sich durch seine eigenen Qualitäten beweisen, nicht dadurch, das er andere herabsetzt.

Darum
Gerry (das ist übrigens nicht sein richtiger Name) hat Niveau und unterscheidet sich damit von (manchen) Kollegen.
Er äußerte sich so lobend, dass ich beim Lesen mancher Passagen einen roten Kopf bekam.
Eins siehst du jedoch nicht richtig, Gerry:
Ich bin nicht der Fachmann, für den du mich hältst, du dichtest mir Gaben an, die ich nicht habe, ich bin meiner Zeit nicht voraus. Ich habe auf den Flügen immer mehr als nur meinen Mann gestanden, aber das macht jemanden nicht zum Zauberer.
Ich bin realistisch, glaube an die gute Taube, ich sehe, vergleiche und ziehe meine Schlüsse und "das ist es!"
Deiner Meinung nach gibt es nur eine Sache, die ich verkehrt sehe (wenn es nur dabei bliebe!) und das ist meine Ansicht über Taubentee.
Und Gerry hat sich als aufmerksamer Leser gezeigt. Er schreibt nicht, dass ich Tee verdamme (habe ich auch noch nie gemacht), aber seiner Meinung nach habe ich noch nicht begriffen, wie gut Tee für Tauben ist.
Schauen Sie, solche Dinge liebe ich.
Schriftsteller, Meister, Tierärzte usw. sollten mehr miteinander diskutieren, notfalls mit dem eigenen Image als Einsatz.

Tee
Über Tee haben wir also unterschiedliche Meinungen. Ich kann nichts beweisen, aber Gerry hat meiner Meinung nach auch nichts bewiesen, obwohl ich ihm zugestehen muss, dass viele Meister (vielleicht sogar die meisten) Tee geben.
Ich habe das auch schon gemacht. Es hat mir auch nie geschadet, obwohl es viel Arbeit macht, worauf er übrigens hinweist.
Meine Meinung beruht auf Erfahrung, lieber Gerry.
Was habe ich also getan?
Ich habe einem "Schlag" Tee gegeben und einem anderen Schlag nicht. Ich stellte keinen Unterschied fest, außer vielleicht, dass die Tauben, die Tee bekamen, "festeren" Kot absetzten. Aber das beweist nichts. Durch den Geschmack trinken die Tauben weniger, wodurch der Kot "fester" wird.
Doch Gerry soll sich nicht so leicht aus der Affaire ziehen können.

Herausforderung
Ich lade dich ein, hierher zu kommen und Tauben zu beurteilen. Ich werde einige Tauben von Sportfreunden holen, die Tee geben und setze sie zwischen meine, die keinen Tee bekommen.
Wenn du den Unterschied erkennst, werde ich demütig auf die Knie fallen und zugeben, dass ich Unrecht habe.
Und ich werde in allen Zeitungen, in denen ich schreibe, bekennen, dass du Recht hast und ich Unrecht habe.
So war ich zu Besuch bei einem Landsmann von dir, der mit einer Hand voll Tauben enorme Erfolge hatte.
Als ich ihn fragte, warum gut zu spielen offensichtlich eine Kleinigkeit für ihn war, reagierte er folgendermaßen:
"Das ist in erster Linie eine Frage der Auslese. Ich wollte niemals mehr als etwa zehn Witwer haben. Wenn sie gut sind, braucht man damit keine Angst vor Leuten zu haben, die mit zehn- oder zwanzigmal mehr Tauben an den Start gehen. Aber ich lese nicht nur an Hand der Leistungen aus. Eine Taube, der auch nur das Geringste fehlt, bekommt den Abschied. Würdest du mir glauben, dass ich seit drei Jahren keinen Tierarzt besucht habe?"
Als ich das de Bruyn erzählte, sagte der, dass er das glauben würde, allerdings unter der Voraussetzung, dass der Mann strenge Hygiene walten ließ.
Willem hatte das gut erkannt, ohne es gesehen zu haben. Der betreffende Mann scheuert, schrubbt, saugt und kratzt die Späne aus dem Holz.

Kenner?
Auch bin ich kein Kenner, Gerry.
Nach doch einigen Jährchen Taubensport wird mir immer klarer, dass der beste Klassifizierer der Korb ist, allen schönen Theorien zum Trotz. Und sollte einmal der Tag kommen, an dem ich klüger sein will als der Korb, wird das der Tag sein, an dem mein Untergang beginnt.
So lege ich großen Wert auf Täubinnen, Gerry. Auf gute Täubinnen, wohlgemerkt. Eine Täubin, die in ihrem Geburtsjahr auf Jungen gespielt wird, und es (bei schönem Wetter) nicht schafft, echte Spitze zu fliegen, ist eine Taube, die ihren Abschied bekommt.
Andererseits habe ich eine Schwäche für Täubinnen, die auf allen "Ständen" und ohne "Stand" das Letzte hergeben, die Spitze fliegen auf Eiern, auf Jungen oder "auf was" auch immer.
Davon gibt es wenig, aber das sind Tauben, die mein Herz gestohlen haben, Tauben, mit denen man weiterkommt.
Außerdem gibt es noch so etwas wie die "matrimoniale Dominanz" (die Meinung, dass eine Taube mehr von der Mutter als vom Vater mitbekommt).
Ich glaube ein bisschen daran. Das ist der Grund, warum ich immer nach guten Täubinnen suche.
Der Vorteil von Männchen liegt darin, dass man schneller weiß, was sie auf dem Kasten haben, weil man sie in kurzer Zeit mit verschiedenen Weibchen paaren und so mehrere Jungtiere daraus züchten kann.

Vögel
Von diesem belgischen Meister, der niemals anders als gut gespielt hat, notierte ich auch folgenden Ausspruch:
"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit jungen Vögeln, die man zu viele Kilometer hat fliegen lassen, später kürzer treten muss. Ich halte es für besser, junge Vögel öfter auf kürzeren Flügen zu spielen."
Stan Raeymakers sagte seinerzeit ungefähr dasselbe:
"Die beste Art, junge Vögel auf ihre spätere Karriere vorzubereiten, ist, sie mehrmals von Noyon (für ihn 210 Kilometer) fliegen zu lassen. Weitstreckenflüge sind nicht die Domäne meiner jungen Vögel. Junge Täubinnen spiele ich jedoch "durch" (er meint damit auf der Weitstrecke), um zu sehen, was in ihnen steckt."
Alle diese kleinen Dinge, die man links und rechts mitnimmt, zusammen, sowie die Erfahrungen, die man auf dem eigenen Schlag macht, sind es, die es bringen, Gerry.
Es sind alles kleine Glieder, aus denen die Kette besteht. Und wie gut man als Liebhaber ist, hängt von der Stärke des schwächsten Gliedes ab.
Nichts für ungut, Kollege, wenn wir uns sehen, lade ich dich ein. Zu Tee. Allerdings holländischen.

© Ad Schaerlaeckens