Menschen und Tauben

Analyse
Wie viel erste Preise ich in den letzten Jahren gewonnen hätte, wurde ich gefragt.
Ich wusste es nicht.
Des Weiteren wollte der Fragesteller wissen, welche Farbe die meisten dieser Erste-Preis-Flieger hatten.
Auf diese Frage konnte ich genauer antworten. Die meisten waren blau und einige auch gehämmert.
"Siehst du", triumphierte er, "ich sage immer, dass unter den roten, schwarzen und gescheckten Tauben kaum Gute zu finden sind." Aber der brave Mann hatte versäumt eine zusätzliche Frage zu stellen und die lautete, wie viele Tauben in den genannten Farben ich hatte oder gespielt hatte.
Ohne das zu wissen, kann man jedenfalls keine Schlüsse ziehen.

Chancen
In ihrem Verlangen nach mehr Wissen ziehen manche zu schnell ihre Schlüsse.
Nehmen wir einmal an, dass es einen Angelwettstreit zwischen Männern und Frauen gibt. Wenn die Männer insgesamt 100 Fische fangen und die Frauen 50, heißt das dann, dass die Männer bessere Angler sind?
Das muss nicht sein. Wenn 60 Männer an dem Wettkampf teilnahmen und 10 Frauen, dann sind die Frauen die besseren Angler.
Die Fragen des betreffenden Mannes zeugten wohl von dem Drang dieses Liebhabers nach mehr Wissen. Wir wissen so wenig über Tauben, das es fast blamabel ist.
Wenn es 600.000 Taubenliebhaber gäbe statt 35.000 würden durch die größere Breitenwirkung und aufgrund von mehr wirtschaftlichen Interessen die Menschen sehr viel aktiver werden.
Mit den heutigen Mitteln könnte man einen Schatz an interessanten Daten bekommen. Durch einfaches Sammeln von Fakten, die im Computer gespeichert werden, könnte man ermitteln
- ob es tatsächlich mehr schlechte oder gute Tauben in einer bestimmten Farbe gibt.
- ob ältere Tauben an Zuchtwert verlieren, wie häufig behauptet wird.
- wie oft es vorkommt, dass es bei einem Gelege zwei Tauben von demselben Geschlecht gibt.
- ob die Chance auf Qualität größer ist, wenn zwei Vögel aus einem Gelege fallen. Denn auch das hört man häufig. - ob es tatsächlich so ist, das langfristiges Züchten aus Tauben mit derselben Farbe zur Verminderung von Vitalität und Qualität führt.
- ob die Chance auf Qualität geringer ist, wenn man zwei Glasaugen miteinander paart.
- und noch so viel mehr.

Voreilig
Weil wir zwar die Mittel haben, aber keinen Gebrauch davon machen, werden wir uns in unserem Drang nach Wissen sogar irren und Vorurteile aufbauen.
So sollen Jährige leichter erste Preise gewinnen als alte Taube, und ich selbst habe auch diesen Eindruck. Aber man muss auch hier wieder das Gesetz der Zahlen berücksichtigen.
Bei vielen Liebhabern besteht der größte Teil des Schlagbestandes aus Jährigen und dann ist es statistisch gesehen normal, dass diese mehr erste Preise gewinnen.
Wenn eine Taube, die kaum gespielt wurde, den Bourges-Flug gewinnt, ist es falsch, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen:
"Siehst du wohl, viel Flugerfahrung ist nicht nötig!"
Dieser Sieg kann die sprichwörtliche Ausnahme sein. Wir wissen nämlich nicht, wie viele Tauben mit wenig Erfahrung gespielt wurden, keinen Preis machten oder sogar verloren gingen.

Konkurrenz
So studiere ich gern die Preislisten von Flügen der eintägigen Weitstrecke "bei ehrlichem Wetter" mit für jedermann gleichen Chancen.
Derartige Flüge sind selten, aber manchmal gibt es sie doch.
Der niederländische Nationalflug von Orléans für Jungtauben war mehrere Male so ein prächtiger Flug und dabei fiel auf, dass die Züchter in Ostbrabant schlecht abschnitten.
Dort lag man so weit unter dem Durchschnitt, dass es kaum an der Qualität liegen konnte. Aber woran denn dann? An den Gruppenauflässen vorher, meinen viele Ostbrabanter.
In Belgien verläuft der Nationalflug Bourges für Jungtauben nach niederländischen Begriffen jedes Jahr genauso schleppend. Das ist allerdings auch der erste (landesweite) Massenauflass.
Man wird daraus ableiten können, dass die Tauben Schwierigkeiten haben, wenn sie zum ersten Mal in einer großen Masse aufgelassen werden.

Beste Nestposition
Vor einigen Jahren machte ich mir Aufzeichnungen über die Sieger von Nationalflügen für Jungtauben, um zu sehen, ob Linien zu erkennen waren.
Häufig wird behauptet, dass man mit Weibchen mehr Aussichten hat und in der Tat: Ungefähr zwei Drittel der Sieger waren Weibchen.
Weil meine besten Jungtiere auch oft Weibchen sind, habe ich immer gedacht, dass sie als Jungtauben besser sind, aber ganz sicher bin ich nicht. So werden in meinem Verein drei Mal mehr Weibchen für die Jungtaubenklassiker eingekorbt als Männchen. Wenn das überall so ist, ist es nur normal, das die Weibchen mehr erste Preise gewinnen.
Übrigens ging aus diesen Aufzeichnungen auch hervor, dass die Sieger alle möglichen Nestpositionen hatten. Züchter, die auf einem Nationalflug nur Jungtauben spielen, die auf einem Körnerjungen sitzen, haben also Unrecht.
Außerdem fiel auf, dass sehr wenig Erstbenannte einen 1. Preis national gewannen und dass es viele Überraschungen gab.

Medizin und Futter
Ferner waren die meisten der Sieger vor dem Flug gegen Trichomonaden behandelt worden und ein Viertel der Liebhaber, die einen ersten Preis national gewonnen hatten, gaben wöchentlich Medikamente.
Das scheint viel zu sein, aber es bedeutet auch, dass drei Viertel nichts geben.
Dass viele "Jungtierspezialisten" wenig sauber machen, scheint auch ein Vorurteil zu sein.
Unter den Siegern und Herausragenden sind solche, die viel und solche, die wenig sauber machen. Alles in allem stellte ich also fest, dass es kaum eine Linie gibt, außer dass alle Sieger in glänzender Form waren.
Weil so viele falsch Benannte siegen, könnte man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass es - vorausgesetzt die Form ist da - nicht vernünftig ist, auf den großen Klassikern so selektiv zu spielen, wie es manche machen.
Von einem Schlag voller Jungtauben in Spitzenform nur wenige zu spielen, bedeutet also, Chancen nicht zu nutzen.

© Ad Schaerlaeckens